Am Anfang war der Gletscher
Sie zermalmen und schieben das Gestein aus den Bergen seit über 2.4 Millionen Jahren. Solange zumindest dauert das derzeitige Eiszeitalter bereits an. Darin wechseln sich Warm- und Kaltzeiten ab. Als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit zurückzogen, liessen sie mächtige Kiesvorkommen in unseren Schweizer Tälern zurück. Was damit geschah ist ebenso eindrücklich.
Das Eis hat das Feld im Schweizer Mittelland vor etwa 10‘000 Jahren geräumt und der menschlichen Besiedelung wieder Platz gemacht. Etwa zur selben Zeit pflasterten Menschen auf dem Boden der heutigen Türkei Ziegelsteine für Mauerwerke zusammen. Sie hatten bereits entdeckt, dass man Mörtel als Bindemittel nutzen kann, wenn man feine Gesteinskörnungen zusammen mit Kalk und Wasser mischt. Die Römer bedienten sich dann beim gröberen Gesteinsmaterial und erschufen damit vor ca. 2‘000 Jahren den Beton für ihre geschichtsprägenden und monumentalen Bauwerke. Mit der Industrialisierung erhielt die Bauwirtschaft vollends Schub: Sand und Kies wurden zum unersetzlichen und essenziellen Rohstoff für das Bauwerk.
Dünnes Eis und knappes Gut
Kiessande, ein natürliches Gemisch aus Kies und Sand, sind in der Schweiz in grossen Mengen vorhanden. Wir verbrauchen in der Schweiz des 21. Jahrhunderts im Jahr und pro Kopf etwa 6 Tonnen mineralische Rohstoffe für die Bauwerke unserer sicheren und komfortablen Lebensumgebung. Doch wir bewegen uns im wahrsten Sinne auf dünnem Eis. Die Bauindustrie verursacht einen beachtlichen Teil der weltweiten Treibhausgas-Emissionen und wir wissen: Wenn die Eiskappen an den Polen schmelzen, können sich die Naturgewalten gegen das menschliche Dasein richten. Auch werden die mineralischen Rohstoffe für die kommenden Generationen zu einem knappen Gut.
Immerhin: Unsere Spezies hat die Hebel selbst in der Hand, um Emissionen zu reduzieren und sparsam mit Ressourcen und Energie umzugehen.
Brillante Köpfe
Forschende und Unternehmungen aus der Kies-, Beton- und Recyclingindustrie wie auch Gesetzgeber und Behörde arbeiten zusammen an Lösungen, damit das Bauwerk Schweiz bis im Jahr 2050 mit ihren Emissionen auf Netto Null ist. Die Aufgabe ist komplex und die Ideen sind zahlreich. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler testen zusammen mit Unternehmen neue Methoden, um Energieaufwände und Emissionen in der Produktion der Baustoffe zu reduzieren. Zum Beispiel haben brillante Köpfe herausgefunden, dass sich CO2 an Anlagen abscheiden und speichern lässt. Carbon Capture and Storage nennt sich diese Technologie. Sie forschen ebenfalls daran, wie Abwärme wieder als Energieträger dienen kann oder arbeiten an der Verbesserung der Technologie für elektrisch betriebene Maschinen, damit diese für die schweren Arbeiten alltagstauglich sind. Der Bund unterstützt Pilotprojekte, damit die Industrie ihre Emissionen und den Energieverbrauch in den Griff bekommt.
Wäre es sogar denkbar ohne Ausstoss zu produzieren?
Heute noch eine Vision. Doch wir können Transportwege verkürzen und Material sparsamer verwenden, um auf diese Weise Emissionen zu vermeiden, Energie zu sparen und Ressourcen zu wahren. Genial durchdachte Tragwerkskonstruktionen aus Beton in Leichtbauweise zum Beispiel, gibt es schon.
Lokal und im Kreislauf
Das Baumaterial liegt vor beziehungsweise unter unseren Füssen. Die mineralischen Baustoffe Kies, Sand und Beton, sind langlebig und eignen sich bestens für den mehrmaligen Gebrauch. Abbaustellen und Recyclinganlagen sind gleich um die Ecke. Nach dem Rückbau gelangen die Baumaterialien ins Werk und in die Aufbereitung für die Wiederverwertung. In aufwendigen Sanierungsprojekten sorgen Planungsbüros und spezialisierte Unternehmen dafür, dass keine Schadstoffe in den Umlauf gelangen. Tatsächlich gibt es Waschmaschinen, die mineralische Materialien waschen können: die Bodenwaschanlagen. So bleiben die Materialien im Baustoffkreislauf. Wem zusätzlich gelingt, Bauteile aus einem Rückbau in einem Neubau wiederzuverwenden, hat eine äusserst elegante Gangart gefunden.
Dauerhafte Bausubstanz
Fakt ist, dass die mineralischen Baustoffe auch weiterhin nicht wegzudenken sind. Sie nützen uns Menschen als dauerhafte Bausubstanz, damit wir auch in Zukunft sichere und komfortable Wohn- und Lebensformen vorfinden. Denken wir an Brücken, Tunnels, Tiefgaragen, Hallenbäder, Flugpisten, Fundamente und tragende Elemente; die gesamte Tiefbauinfrastruktur. Dazu gehört ebenfalls der tragfähige Untergrund, der sogenannte Koffer, der aus Kiessand besteht. Auch Quartierwege und Waldstrassen sind darauf gebaut.
Die Lösung der Lösungen
Es ist offensichtlich so: Mehrere Ansätze verfolgen ist die Lösung. Denn die vielen modernen Technologien schaffen neue Möglichkeiten und bringen im Zusammenspiel das grösste Potenzial. Wenn wir als Homo sapiens zusammenspannen, dieses Potenzial geschickt nutzen und auf Lokalität setzen, können wir als Gesellschaft nicht nur vom gewanderten Kies profitieren, sondern auch Berge versetzen.
Flyer-Serie: Baustoff Kreislauf A-Z – Von Abbau bis Zirkularität
Erfahren Sie mehr zu Sand und Kies
Erfahren Sie mehr zu Baustoffrecycling
Präsentationen Herbstanlass 2025:
«Dekarbonisierte Baustoffe – Problemlösung oder Trugschluss?»
Arbeitshilfen und Publikationen:
«Mineralische Recycling-Baustoffe – Verwendungsempfehlungen für Bauherren, Planer, Architekten und Ingenieure»